Zum Thema Frauen und Fußball aus der SZ vom 22.06.11:

 

Das Streiflicht

(SZ) Dass der Mensch ein Esel ist, kommt leider relativ häufig vor. Dass er bei seinen Eseleien wahrhaftig, leibhaftig zum Esel wird, gibt es aber wohl nur in den Träumen und Märchen. Sowie im Theater. Der berühmteste Esel der Weltliteratur ist Shakespeares verzauberter Weber Zettel – mit seinem Eselskopf ist er der unwiderstehlichste aller Verführer, und so verfällt ihm Titania, die Elfenkönigin, sogleich und heillos in Liebe und Wollust. Man sieht hieran erstens, dass es manchmal auch von Vorteil ist, ein Esel zu sein. Und zweitens, dass die Märchen und die Träume immer auch eine dunkle, nachtschwarze, dämonische Seite haben. Womit wir den „Sommernachtstraum“ verlassen und uns den Fußballfrauen zuwenden wollen. Sie beginnen ja nun bald, allzu bald, mit ihrer Weltmeisterschaft in Deutschland, und man könnte das Spektakel mit einigem Wohlwollen als ein Sommerfest der Amazonen verstehen – also als ein zugleich kriegerisches und heiteres Schauspiel.

Es wird aber leider und unweigerlich ein Märchen werden. Ein sogenanntes Sommermärchen natürlich. Das Wort „Sommermärchen“ ist das Wort dieser Tage, und wenn man es nun wieder ständig hören, lesen und erdulden muss, vom Frühstücksfernsehen bis zum Mitternachtsfeuilleton, dann fühlt man eher ein Grauen als einen Zauber. Schon vor Monaten, als der Bundespräsident unsere Fußballfrauen im Trainingslager besuchte, im traumhaften Bitburg, wünschte er sich von den Damen, inniglich lächelnd, „ein neues Sommermärchen“, und seitdem breitet sich das ehemals holde Wort wie eine Landplage aus. Es ist mittlerweile fast unmöglich geworden, über den Frauenfußball anders als in Märchentönen zu sprechen, ihn gar brav oder fade zu finden. Gewiss, vor dem Fußball kann man entfliehen, vor dem Sommermärchen aber nicht. Längst haben die Werbetexter erkannt, welch nützliche Dienste das Wort leisten kann bei der Verkitschung der Welt. Hotels laden den Touristen ein zum „Genuss-Sommer auf höchstem Niveau“, zu „Traumferien“ und ins „Wohlfühlland“, und sie bündeln ihre Offerten unter dem Schlagwort „Sommermärchen“. Und es naht unaufhaltsam der Tag, an dem die Parfümisten ihr betörendes Duftwasser und die Drogisten ihr supersoftes Klopapier als Sommermärchen verkaufen werden.

Beim Original-Sommermärchen, der Fußball-WM 2006, gab es nicht nur guten Sport und rührende Szenen ( Merkel küsst Klinsmann!), sondern auch Materazzis Obszönitäten, Zidanes Kopfstoß und des Bundestrainers kreischende Kabinenansprachen: „Die Polen stehen mit dem Rücken zur Wand – und wir knallen sie durch die Wand hindurch!“ Die Märchen, so sah man damals, sind nicht süß. Denn es treten nicht nur Elfen, Feen und Luftgeister darin auf. Sondern auch jede Menge Rüpel und Esel.

 

Sommermädchen       (Von Tanja Rest)

„Die Anatomie der Frau ist für Trikotwerbung nicht geeignet. Die Reklame verzerrt.“ Das ist ein Statement des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) aus dem Jahr 1976, und da sieht man mal, wie sich die Zeiten geändert haben. Erstens würde der DFB heute jede nur denkbare Oberfläche für Reklame freigeben, wenn etwas dabei herausspränge. Zweitens findet die Herrenriege Frauenfußball inzwischen ganz wichtig und phantastisch. Präsident Theo Zwanziger tourt, die WM im Gepäck, seit Monaten durchs Land wie ein Sommermärchenonkel, der den Deutschen ein Jahr lang gutes Wetter bringt. Und alle scheinen ob dieser Aussicht ja auch höchst erfreut: die Kanzlerin, der Bundespräsident, die A- bis Achtelprominenten und der Erzbischof von Hamburg, der gerade bekannt hat, alle Spiele der deutschen Elf im Terminkalender vermerkt zu haben, was ihm eine hübsche Agenturmeldung eingetragen hat.

41 Jahre nach Aufhebung des Verbots durch den DFB, wenige Tage vor Anpfiff der Weltmeisterschaft in Deutschland, ist Frauenfußball plötzlich mehrheitsfähig. Das ist toll. Das ist unglaublich. Das muss man auch nicht glauben.

Zwei WM-Titel in Folge haben die Frauen zuletzt geholt – zwei One-Hit-Wonder s : ein kurzes Aufflackern der Aufmerksamkeit, dann war es auch wieder vorbei. Zu den Bundesligaspielen kamen in der vergangenen Saison im Schnitt 800 Seelen. Um das Unaussprechliche hier tolldreist einfach mal hinzuschreiben: Irgendwo dort draußen muss es eine andere Mehrheit geben, die Frauenfußball als Konsumprodukt uninteressant/ amateurhaft/überflüssig findet, was schade, aber keine Schande ist. Regelrecht erfrischend wären sogar ein paar Einwürfe aus dieser Ecke, dann klänge die Begeisterung in der anderen nicht so synchronisiert, bemüht und jovial-herablassend, wie es über weite Strecken jetzt der Fall ist.

Wo sind sie bloß, die Spielverderber? Man ahnt regelrecht die Verzweiflung, mit der Talkshow-Redakteure gerade nach bekennenden Frauenfußballverächtern suchen, damit später im Studio ein bisschen Leben in die Bude kommt. Das dürfte schwierig werden. Offenbar gibt es eine stille Übereinkunft: Wer öffentlich spricht, sagt nur Freundliches, der Rest hält die Klappe. Es ist ja auch ein heikles Thema, die Frauen und der Fußball. In der Vergangenheit (siehe oben) ist so manche Äußerung ein bisschen danebengegangen, nun sagt man lieber nichts, bevor man am Ende noch als frauenfeindlich dasteht. Ein Maulkorb ist aber nicht das, was eine Randsportart brauchen kann, die so wild darauf ist, endlich ernst genommen zu werden.

Die ganze kollektive Verkrampfung zeigt sich an der Art und Weise, wie die deutsche Frauen-Elf vor der WM vermarktet wird. Die Botschaft ist eben nicht: Auch Frauen können gut Fußball spielen. Sondern: Auch Frauen, die Fußball spielen, können gut aussehen. Die WM-Sponsoren und diverse Trittbrettfahrer glauben offensichtlich, diese Mannschaft einer geneigten Öffentlichkeit nur zumuten zu können, nachdem die immergleichen fünf Spielerinnen durch die Abteilungen Frisur, Make-up und Garderobe geschleust wurden.

In Fernsehspots sieht man sie nun mit Lippenstift und Puderquaste hantieren, auf Plakaten machen sie einen schön glossigen Schmollmund, in einer Frauenzeitschrift führen sie Designermode vor („Viel schöner als jede Viererkette“) – und das einzig Empörende daran ist, wie hilflos, humorfrei und letztlich unselbstbewusst das alles daherkommt. Wie wenig das behauptete Glamour-Image auch zu genau diesen Frauen passt.

Es ist natürlich das olle Klischee vom kickenden Mannweib, das der Nation bei diesem Turnier jetzt aber ein für alle Mal ausgetrieben werden soll. An seine Stelle haben die beflissenen Promoter nun das dribbelnde Superweib gesetzt, das von der Realität ganz genauso weit entfernt ist. Kein Mensch glaubt im Ernst, dass die doch eher bodenständige deutsche Elf in der Kabine erst von den Highheels heruntersteigen muss, bevor sie die Fußballschuhe zuschnürt.

Man mag es so sehen, dass sich die Frauen lediglich professionalisieren und langsam zu den Beckhams, Ballacks und Ronaldos aufschließen, deren gut ausgeleuchtete Sixpacks längst ganze Produktpaletten schmücken. Man kann sich aber auch fragen, was für eine Verklemmtheit eigentlich dahintersteckt, wenn der deutsche Frauenfußball überwiegend über die gefällige Optik verkauft werden muss und – was vielleicht schlimmer ist – ablehnende Haltungen kaum aushält.

„Wir möchten unseren Sport vermarkten, nicht unseren Hintern.“ Das hat die fast schon rührend ernsthafte Birgit Prinz gesagt. Auch ein paar andere Spielerinnen haben zumindest durchblicken lassen, dass ihnen die Rolle als Girlies der Nation ein wenig suspekt ist. Gebracht hat es wenig. 2006 war die Welt zu Gast bei Freunden, diesmal haben sich der DFB und die Fifa auf den wirklich selten bescheuerten Slogan geeinigt: „20Elf von seiner schönsten Seite“.

Das Präsidium und der Vorstand des DFB übrigens bringen es zusammen auf 47 Mitglieder, eine einzige Frau ist darunter, zuständig für Mädchen- und Frauenfußball. Und das erklärt nicht alles, aber dann doch so einiges.

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